Das Lager Moria im September 2018 – Ein Bericht

Wie versprochen folgt hier ein ausführlicher Bericht zu unserem Besuch im Camp Moria auf Lesbos. Wir durften mit dem Chef von EuroRelief zwei Stunden viele Bereiche des Lagers besichtigen. Wir bekamen nicht überall Zutritt, die uns zugänglichen Bereiche haben jedoch einen bleibenden Eindruck hinterlassen:
 
Moria ist das Menetekel, das über allem schwebt, wenn man sich auf Lesbos mit dem Thema „Geflüchtete“ befasst.
Moria ist die Wurzel allen Übels, Moria wird immer schlimmer. Moria ist die Hölle.

 

Die Oberfläche

 
Bei unserem Besuch jetzt im Spätsommer waren die Temperaturen so angenehm. Trotz des Regens haben wir inmitten unbeschreiblichen Elends spielende Kinder in Moria gesehen. Menschen lachen in Moria, während 20 Meter weiter hunderte Neuankömmlinge dicht gedrängt in einem dunklen, stickigen Zelt darauf warten, registriert zu werden. Es gibt kleine Läden unter Planen, wo man sich von geschäftstüchtigen Geflüchteten Getränke und Dinge des täglichen Bedarfs kaufen kann, wenn man nur Geld hat. Die meisten haben keines mehr. Viele Frauen laufen mit großer Würde im Camp umher, mit erhobenem Kopf, auch wenn man nachts als Frau auf jeden Fall im Zelt bleiben sollte, will man nicht bedroht oder vergewaltigt werden. Mit Erwachsenenwindeln wird der Gang zur Toilette vermieden. Es wird überall telefoniert, gelesen, gekocht. Menschen halten so viel aus. Doch das, was man an der Oberfläche sieht, diese vielen vertrauten Aktivitäten, all das ist trügerisch.
 

Moria zerbricht Menschen

Menschen, die körperlich gesund ins Camp Moria kommen, werden hier krank. Es gibt nicht genug Ärzte, nicht einmal für eine Erstdiagnose, um Kranke dann an eine Klinik zu verweisen. An Kliniken, die auf der Insel alle jenseits ihrer Kapazitätsgrenzen sind, im chronisch finanzschwachen Griechenland. Das Keelpno (Gesundheitsministerium) hat 2 Ärzte in Moria. Einer war bei unserem Besuch in Urlaub, der andere wegen familiärer Probleme nicht anwesend. 96 Prozent alle geflüchteten Frauen auf Lesbos sind nach Aussagen einer Freiwilligen Opfer mindestens einer Vergewaltigung geworden, in ihrer Heimat oder auf der Flucht. Viele der alleinreisenden Frauen sind schwanger. Oder werden in Moria schwanger. Ärzte ohne Grenzen hat Fälle von 10-jährigen Kindern dokumentiert, die sich in Moria umbringen wollten.
 
Es gibt in Mytilini und an anderen Orten viele Initiativen, die Frauen aus Moria geschützte Räume zum Duschen anbieten. Es gibt eine ganze Reihe von Initiativen, die psychosoziale Betreuung anbieten. Ärzte ohne Grenzen / Médecins Sans Frontières (MSF), EuroRelief und das UNHCR versuchen tatsächlich, besonders schutzbedürftige Menschen außerhalb von Moria unterzubringen.
 
Denn neben den menschenunwürdigen Lebensbedingungen gibt es regelmäßig Gewalt im Camp Moria. Es gibt gut organisierte Gangs, alleinstehende Frauen werden in ihren Sektoren nachts zur Sicherheit eingeschlossen. Das EASO hat im Camp Moria seinen eigenen mit Stacheldraht geschützten Sicherheitsbereich. Die NGO EuroRelief hat ein Büro, das von mehreren Personen davor bewacht werden muß. Zwei Bürocontainer wurden in der Vergangenheit bereits in Brand gesetzt. Wenn man drin ist und draußen schlagen Menschen an die Wand und brüllen „I hate EuroRelief“, wird einem mehr als mulmig. Ende Mai flüchteten 1000 Menschen, mehrheitlich Kurden, vor koordinierten Angriffen aus Moria. Es gab viele Schwerverletzte. Das Camp liegt an einem steilen Hügel, dessen Wege schon bei Regen gefährlich rutschig werden. Und der Winter kommt. 2016/2017 gab es Schnee und Eis. Im Sommer ist es extrem heiß unter den Planen, kein Luftzug weht da, der Gestank nach Schweiß und Fäkalien ist an manchen Stellen unerträglich.

 

Die Hilfe der Zivilgesellschaft

 
Sieht man Angebote von Graswurzelorganisationen wie den Fußballclub FC Cosmos, von Heimatstern finanziell unterstützt, die Schule Tapuat, wo Kinder lernen, aber auch toben dürfen, sieht man das Bashira Day Center oder das große One Happy Family – Community Center, Lesvos mit dem Garten, dem Gym, der Schule, wo Geflüchtete Helfer und Besucher gleichzeitig sind, so erkennt man, dass aus Not und Mangel heraus verstanden werden kann, dass Solidarität alle Menschen stärker macht. Das Attika Human Support Warehouse, auch hier unterstützt Heimatstern seit Jahren, liefert jeden Tag Kleidung, Zelte, Schlafsäcke und Decken auch nach Moria, doch es ist immer zu wenig. Auch wenn es viele Hilfsangebote gibt, die meisten müssen sich auf die schutzbedürftigsten Menschen konzentrieren, Frauen, Kinder, Familien. Die vielen vermeintlich starken jungen Männer bleiben meist auf der Strecke mit ihrer Traumatisierung, der vielen Energie, der Wut darüber, dass sie Tag für Tag nur warten können.

 

Das Versagen der Politik

 
Europa ignoriert das Lager Moria weitestgehend. Es besteht kein Interesse daran, die Zustände zu verbessern. Nicht genügend Duschen, Toiletten, stundenlang für Essen anstehen (jeden Tag das gleiche Essen für alle), teils jahrelanges Warten auf eine Anhörung im Asylverfahren (wer jetzt auf der Insel ankommt, hat 2020 einen Termin zur Anhörung!), unmenschliche hygienische Zustände, keine winterfesten Unterkünfte, kein Strom, kein Wasser, keine Toiletten im Olivenhain, der zur Überlauffläche für das Hauptcamp wurde. Keine Decken für Neuankömmlinge. Keine Planen, die regensichere Zonen schaffen. Zelte, die bei Regen unterspült werden, wo das Wasser in Sturzbächen den Berg runterfließt und alle Habseligkeiten verschlammt werden. Es fließt Geld nach Griechenland. Hunderte von Millionen. Sturzbäche von Geld. Nichts kommt hier an. Nicht mal ein Rinnsal. Denn: eine Verbesserung der Lage, z.B. mehr Container oder weitere Camps, würde angeblich Anreize schaffen für die Tausenden von Afghanen, Syrern, aber auch Kongolesen, Kamerunern und anderen, die nur darauf warten, das nächste Schlauchboot in der Türkei zu besteigen. Sie kommen trotzdem, denn das schlimmste Camp ist besser als Tod oder Folter. Über 1000 landen jeden Monat an den Stränden von Lesbos an, teils 300 an einem Wochenende. 50% davon Frauen und Kinder unter 18 Jahren. Trotz striktem Fotografierverbot findet man im Netz viele Bilder aus Moria, es gibt Berichte darüber in der Sunday Times, bei der BBC, bei The Intercept. Alle Anklagen prallen an den verantwortlichen Politikern einfach ab, es gibt noch nicht einmal Reaktionen auf all diese Berichte. Die Leitung des Camps tut alles, damit diese schrecklichen Szenen keine Verbreitung finden, deshalb auch das Fotografierverbot, doch es scheint, als ob alle Regierenden längst immun sind gegen das Elend.
 
Die Bewohner der Insel, die auch vom Tourismus leben, werden unruhig. Natürlich gibt es mehr Kriminalität, wo Menschen in prekärsten Bedingungen gehalten werden, schlechter als Tiere, in dauerndem Mangel. Nach über 3 Jahren Ausnahmezustand muß doch mal Schluß sein, sagen viele. Demonstrationen der griechischen Rechten gegen Geflüchtete endeten mit gewalttätigen Übergriffen auf jeden, der ausländisch aussah. An manchen Orten ist der Tourismus um 70% eingebrochen. Niemand will sich an einem Strand sonnen, an dem der nächste Aylan Kurdi angespült werden könnte.
 
Tschechien hat bisher 12 Geflüchtete aufgenommen. Ungarn verfolgt Flüchtlingshilfsorganisationen strafrechtlich. Polen verweigert die Aufnahme Geflüchteter. Überall in Europa sind Rechtspopulisten auf dem Vormarsch. In Deutschland werden Geflüchtete als „Messermörder“ tituliert. Journalisten, die über Rechte berichten, werden tätlich angegriffen. Und „Flüchtlinge“ sind sowieso an allem schuld und die „Migration ist die Mutter aller Probleme“.

 

Wir helfen weiter – gemeinsam mit Euch

 
Moria bleibt. Moria wird noch größer, denn niemand will diese Menschen. Niemand in Griechenland, erst recht niemand im Rest Europas. Solange wir darüber diskutieren müssen, ob 250 Geflüchtete von einem Schiff im Mittelmeer in Europa Aufnahme finden, wird es keine Lösung für die Zehntausenden Menschen auf Lesbos und dem Rest Griechenlands geben. Moria ist eine tickende Zeitbombe. Wenn Europa es nicht schafft, 10.000 Menschen in Würde zu beherbergen, was soll erst passieren, wenn zukünftig noch mehr Menschen durch äußere Faktoren ihre Heimat verlieren, nicht nur weit weg, sondern auch bei uns, in Europa, in Amerika?
 
Heimatstern wird weiter mit Partnern auf Lesbos und auch anderen Ägäisinseln daran arbeiten, die Situation der Geflüchteten zu verbessern. Mit Eurer Hilfe wollen wir so vielen Menschen wie möglich etwas mehr Menschenwürde zurückgeben. Wir werden demnächst dazu ganz konkrete Aufrufe und Projekte starten.
 
Bildurheber: helloasso.com, Ghia Aljuni via Twitter, legalcentrelesbos.org
 

Ein herzliches Dankeschön an Elly und Andreas, die den Besuch in Moria erst möglich machten.

Bildrechte: helloasso.com
Bildrechte: Ghia Aljuni via Twitter

 

Bildrechte: legalcentrelesbos.org

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